Neuerscheinung Heimat, Herz und Schmerz: Wenn der Lehm an den Schuhen klebt

Wer sind wir, woher kommen wir, wohin wollen wir gehen? Diese grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz stehen im Zentrum von Monika von Bothmers Roman „Lehm an meinen Schuhen“.
Von Wurzeln und Flügeln
„Weißt du, diese Herkunft, sie klebt wie Lehm an meinen Schuhen.“ Mit diesen Worten beschreibt die Protagonistin Marie treffend das zentrale Dilemma ihres Lebens: Die Schwere der Tradition, aus der sie stammt, und ihr Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben fernab des elterlichen Hofes.
Der Roman führt uns durch ein Jahrhundert deutscher Geschichte – von 1879 bis in die Gegenwart – und erzählt dabei gleichzeitig die persönliche Geschichte einer jungen Frau, die ihren eigenen Weg sucht. Die Autorin verknüpft dabei geschickt die große Weltgeschichte mit dem Mikrokosmos einer Bauernfamilie auf dem westfälischen Haarstrang
Zwischen zwei Welten
Marie wächst in einer traditionellen Bauernfamilie auf, in der die Werte klar definiert sind: Pflicht, Gehorsam, Fleiß und Unterordnung unter die jahrhundertealten Traditionen. Doch sie träumt von mehr, von einem Leben jenseits des Hofes, von Bildung und Selbstbestimmung.
Als sie auf Wunsch des Vaters Agrarwissenschaften studieren soll, lernt sie Jo kennen – einen Mann, der ihr die Freiheit zeigt, nach der sie sich sehnt. Gleichzeitig begegnet sie Hendrik, der sie in eine Welt der Kunst und intellektuellen Herausforderungen einführt.
Der Roman zeichnet feinfühlig Maries Weg der Selbstfindung nach, der geprägt ist von Verlusten, Liebe und dem schwierigen Prozess, die eigene Vergangenheit anzunehmen und gleichzeitig neue Wege zu gehen.
Generationen im Dialog
Was ist das Neue ohne das Alte? Diese Frage durchzieht den Roman wie ein roter Faden. Von Bothmer gelingt es auf beeindruckende Weise, die Stimmen mehrerer Generationen zu Wort kommen zu lassen:
- Die Oma mit ihrer Weisheit: „Aower mast ers dui selver verstoan, bevöär diu anneren helpen kannst. Mast wiäten, wäo diu her kümmest, damit diu wiäten kannst, wäo diu hinne willst.
- Der strenge Vater, gefangen in seinen eigenen Traditionen
- Die Mutter, die früh stirbt und deren Verlust Marie prägt
- Marie selbst, zerrissen zwischen Tradition und Aufbruch
Die Autorin nutzt dabei geschickt die plattdeutsche Sprache, um die Verwurzelung der älteren Generationen in ihrer Heimat zu verdeutlichen.
Ein Porträt des Wandels
Der Roman spiegelt die gewaltigen Umbrüche der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert wider
- Die Nachwehen des Kaiserreichs
- Die Schrecken des Nationalsozialismus
- Die Nachkriegszeit mit ihrem Wirtschaftswunder
- Die Studentenbewegung und der gesellschaftliche Aufbruch der 1970er Jahre
Besonders beeindruckend ist, wie von Bothmer zeigt, dass persönliche Freiheit und Selbstbestimmung hart erkämpft werden müssen – vor allem für Frauen. Die verschiedenen Frauengenerationen im Roman zeigen den langsamen, aber stetigen Fortschritt weiblicher Emanzipation.
Zwischen den Zeilen
„Lehm an meinen Schuhen“ ist mehr als eine Familiengeschichte. Der Roman berührt zentrale Themen unserer Existenz
- Die Spannung zwischen Tradition und Innovation
- Die Frage nach Identität und Zugehörigkeit
- Die Bedeutung von Heimat in einer sich wandelnden Welt
- Die Suche nach Liebe und Anerkennung
- Der Umgang mit Schuld und Vergebung
Eine Sprache, die berührt
Von Bothmer schreibt in einer klaren, bildreichen Sprache, die ohne Kitsch auskommt und dennoch emotional berührt. Besonders die Dialoge zwischen den Generationen sind meisterhaft ausgearbeitet – sie zeigen die Kluft des Unverständnisses, aber auch die tiefe Verbundenheit zwischen den Menschen.
Ein Beispiel: „Warum, Jo? Warum?“ Jo zuckte mit den Schultern und schwieg eine Weile, als fiele es ihm schwer eine Antwort zu finden. „Das habe ich mich auch immer wieder gefragt. Ich bin kein Träumer, der glaubt, dass sich in der Welt immer alles friedlich lösen lässt.“
Fazit
Monika von Bothmers Roman ist ein vielschichtiges Werk, das sowohl als historischer Roman als auch als Entwicklungsroman funktioniert. Er erzählt von der Last der Vergangenheit, aber auch von der Möglichkeit, den eigenen Weg zu finden, ohne die Wurzeln ganz aufzugeben.
Der Lehm an den Schuhen – er kann uns zwar beschweren, aber er erinnert uns auch daran, woher wir kommen. Und manchmal ist es gerade dieses Wissen um unsere Herkunft, das uns die Kraft gibt, unseren eigenen Weg zu gehen.
Ein Roman, der nachdenklich macht und noch lange nachklingt.
„Lehm an meinen Schuhen“ von Monika von Bothmer in unserem Shop »
31.7.2026






