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Abgründe und Aufbrüche – Neuerscheinung

Ein geteiltes Bild: Links auf dunkelblauem Grund der weiße Text: ABGRÜNDE UND AUFBRÜCHE / Erzählungen von Wagnis, Freiheit und Neuanfang von Enka Wiese / Packende Kurzgeschichten: Zwischen Identitätssuche und surrealer Verwandlung. Rechts ein Foto desselben Buchs auf einem Gartentisch, stehend und liegend, neben einem kleinen Strauß Wiesenblumen.

Erzählungen, die den Kern des Menschseins berühren.

Autorin Enka Wiese mit ihrem neuen Buch.

Warum bleiben manche Kurzgeschichten länger im Kopf als so mancher Roman? Die Antwort liegt in der Präzision, mit der sie existenzielle Themen verdichten. Enka Wieses Geschichtensammlung „Abgründe und Aufbrüche“ ist ein Paradebeispiel für diese literarische Kunstform.
In neun prägnanten Erzählungen nimmt sich die Autorin fundamentaler menschlicher Erfahrungen an: Verlust, Sehnsucht, Freiheit und die manchmal verzweifelten Versuche, dem Leben einen Neuanfang abzuringen. Mit ihrem feinen Gespür für die Abgründe unserer Existenz erschafft Wiese Figuren, die uns gleichzeitig fremd und vertraut erscheinen.

Ein Tanz zwischen Realität und Surrealismus

Was Wieses Sammlung besonders macht, ist die geschickte Balance zwischen Alltäglichkeit und phantastischen Elementen. In der Titelgeschichte „Mielsangre“ wird ein Mann durch den Genuss eines rätselhaften Honigweins in eine Biene verwandelt. Was zunächst wie ein surrealer Einfall wirkt, entpuppt sich als tiefgründige Erkundung von Freiheit und Zugehörigkeit.
Ähnlich beeindruckend ist „Hedda“, die Geschichte einer Frau, die buchstäblich in andere Leben schlüpft. Die Brutalität ihrer Methoden steht in erschreckendem Kontrast zur sachlichen Erzählweise – ein Stilmittel, das die moralischen Abgründe der Protagonistin umso deutlicher hervortreten lässt.

Die Kunst des unerwarteten Wendepunkts

Wieses besondere Stärke liegt in ihren überraschenden Wendungen. In „Damals wie heute“ führt sie uns zunächst auf die Fährte eines scheinbar harmlosen Unfalls am Flussufer, nur um später eine Familiendynamik zu enthüllen, in der Schuld und Komplizenschaft seit Generationen weitergegeben werden.
Die Autorin versteht es, uns genau in dem Moment zu überraschen, in dem wir glauben, den Verlauf der Handlung durchschaut zu haben. Diese Unberechenbarkeit hält die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht.

Zeitphänomene und Identitätsfragen

Besonders faszinierend ist „Im Zeitalter der Chronos“, wo die Protagonistin Evin plötzlich in einem anderen Zeitempfinden gefangen ist. Während für sie Stunden vergehen, verstreichen für ihre Umwelt nur Sekunden. Diese Erzählung ist nicht nur eine clevere Reflexion über unseren Umgang mit Zeit, sondern auch ein kluges Sinnbild für das Gefühl, aus dem Leben der anderen herausgefallen zu sein.
In „Schatten“ wiederum kämpft eine junge Mutter mit den geisterhaften Überbleibseln ihrer Vergangenheit. Die Geschichte ist ein eindringliches Psychogramm, das zeigt, wie vergangene Entscheidungen uns heimsuchen können, selbst wenn wir glauben, sie längst hinter uns gelassen zu haben.

Die Sprache als präzises Instrument

Wieses Sprache ist klar, präzise und dennoch poetisch. Sie vermeidet überflüssigen Schmuck und konzentriert sich auf das Wesentliche. Besonders eindrucksvoll gelingt ihr dies in „Bombus“, wo sie die Gedankenwelt einer dementen Frau einfängt, die eine Hummelkönigin als Tor zu ihrer Vergangenheit nutzt.
Die Autorin beweist ein bemerkenswertes Gespür für sprachliche Nuancen. Ihr Stil passt sich der jeweiligen Geschichte an – mal nüchtern beobachtend, mal lyrisch verdichtet, immer aber mit einem sicheren Gefühl für Rhythmus und Klang.

Vielfalt der Perspektiven

Jede Geschichte eröffnet einen eigenen Kosmos, und doch sind alle durch wiederkehrende Themen verbunden: die Suche nach Zugehörigkeit, der Umgang mit Verlust, die Sehnsucht nach Veränderung.

Abgründe des Menschseins

Was Wieses Geschichten so eindringlich macht, ist ihre schonungslose Darstellung menschlicher Abgründe. Die Autorin scheut sich nicht, auch die dunklen Seiten unserer Existenz zu beleuchten – sei es in Form von Gewalt, Manipulation oder Selbsttäuschung.
In „Weiblich, Single, sucht“ begegnen wir einer Protagonistin, deren Dating-Gewohnheiten eine erschreckende Wendung nehmen. Wiese spielt hier gekonnt mit unseren Erwartungen und konfrontiert uns mit der Frage, wie weit Menschen gehen, um ihr Verlangen zu stillen.

Der rote Faden: Neuanfänge und Grenzüberschreitungen

Trotz aller Abgründe bietet die Sammlung auch Momente der Hoffnung. In „Flaschengeist“ entdeckt eine lebensmüde Person durch eine angeschwemmte Flaschenpost einen neuen Lebenssinn. Die Geschichte zeigt exemplarisch, wie Wiese das Thema Neuanfang behandelt: nicht als einfache Lösung, sondern als komplexen Prozess, der Mut und Offenheit erfordert.
Die finale Geschichte „Schlusssatz“ rundet die Sammlung perfekt ab, indem sie noch einmal alle zentralen Motive aufgreift: verpasste Chancen, unausgesprochene Gefühle und die Möglichkeit, dem Leben eine neue Wendung zu geben.

Fazit: Literatur, die nachhallt

„Abgründe und Aufbrüche“ ist keine leichte Lektüre, aber eine lohnende. Enka Wiese beweist mit dieser Sammlung ihr außergewöhnliches Talent, komplexe emotionale Zustände in konzentrierte Erzählungen zu verdichten.
Die Geschichten wirken lange nach – sie bohren sich in unser Bewusstsein und zwingen uns, über unsere eigenen Abgründe und die Möglichkeit von Aufbrüchen nachzudenken. Genau das macht große Literatur aus: Sie spiegelt nicht nur die Welt, sondern verändert auch unseren Blick auf sie.
Die Sammlung beweist eindrucksvoll, dass die Kurzgeschichte als literarische Form keineswegs an Relevanz verloren hat. Im Gegenteil: In einer Zeit, die von Fragmentierung und Geschwindigkeit geprägt ist, bietet sie die ideale Möglichkeit, existenzielle Erfahrungen zu verdichten und zu reflektieren.

Abgründe und Aufbrüche: Erzählungen von Wagnis, Freiheit und Neuanfang von Enka Wiese in unserem Shop »

29. Juli 2026

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